Mein Leben im Dachgeschoss.

Eine Reportage von Robin Kittelmann für Auto Bild

Er hat keinen festen Wohnsitz, denn er lebt auf seinem Kombi. Thilo Vogel ist ein „Dachzeltnomade“ – und hat eine ganz neue Bewegung in Fahrt gebracht.

Wenn es Abend wird; wenn die Menschen in ihre Häuser oder Wohnungen zurück­kehren; wenn sie die Heizung anschalten oder den Fernseher oder beides; wenn sie es sich also gemütlich machen, dann steigt Thilo Vogel auf das Dach seines Autos. Jeden Abend. Egal ob es stürmt, schneit oder die Hitze des Tages ein­fach nicht nachlassen will. Thilo klet­tert ins Bett.

Er öffnet eine der hinteren Türenseines Ford Mondeo Turnier, Baujahr 2011. Er steigt mit einem Fuß auf die Innenverkleidung, mit dem anderen auf den hinteren Kotflügel. Er ziehtsich hoch und schiebt den Hintern auf das Bett. Dann verschwindet er hinter der Zeltplane. Reißverschluss zu. Gute Nacht! Thilo Vogel, 38, Fotograf, ist ein Dachzeltnomade.

Das Dachzelt ist sein Schlafzim­mer, der Kombi sein Büro. Das Auto ist alles, was er hat. Was er braucht. „Wenn ich müde bin, lege ich mich mit meinem Schlafsack auf die Heiz­decke. Das ist auch bei Frost kein Problem.“ Thilo lächelt. Oft. Er scheint mit sich im Reinen zu sein. Ein fester Wohnsitz? In seinem früheren Leben.

Thilo Vogel hat Maschinenbau stu­diert, schulte dann auf Fotograf um. Bis 2015 lebte er in einer 36­ Quadrat­meter­ Wohnung in Aachen, besaß ein Studio – und war trotzdem irgend­wie unzufrieden. „Mein Fotostudio lief gut, es kamen viele Aufträge rein. Aber die Arbeit wurde mir irgendwann zu viel. Ich lebe ja nicht nur, um zu arbeiten.“

„Es geht ums Machen und ums Fahren. Wir Deutschen neigen oft dazu, vieles bis ins Detail zu planen und kompliziert zu denken. Wenn ich nicht weiß, ob etwas funktioniert, probiere ich es aus. Dann weiß ich, ob es klappt.“

Also gab Thilo sein Studio auf und trennte sich von allem, was er nicht brauchte. Er begann, sich seinen Ford Mondeo wohnlich einzurichten. Die Reserverad mulde wur­de zu einem Kühlschrank umfunktio­niert, zwei Sitze flogen raus. Stattdessen baute er einen Schreibtisch mit Steckdosenleiste ein, Wäscheleinen, einen Lagercontainer in den Kofferraum. Jeder Zentimeter des Innenraums wurde genutzt. Bis sein Hab und Gut ins Auto passte. Entschleunigung, das Leben entrümpeln. Ein Auto, sonst nichts. Ein Auto mit einem Zelt auf dem Dach. Gut zwei Meter lang, knapp anderthalb Me­ter breit. Platz für zwei Personen – theoretisch.

Thilo Vogel könnte auch gut einer dieser zugezogenen Kreuzberg­ oder St.­Pauli­Hipster sein: Vollbart, die langen Haare zum Dutt aufgetürmt, kreativer Job. Doch statt eines Vier­-Euro-Galão nippt Thilo an einem Tee, den er auf einem Klapptisch unter derKofferraumklappe zubereitet.

„Ich reise meinen Aufträgen hin­terher und bin viel flexibler als früher.

Die Bilder kann ich im Wagen bearbeiten, und zwischendurch über­lege ich mir, wo ich als Nächstes hin will“, erzählt er. Mit seinem Zelt­mobil war er schon überall in Europ aunterwegs, einmal sogar in 2200 Meter Höhe. „Man muss immer auf sich achten, dann bleibt man auch als Dachzeltnomade gesund.“ Außerdem stehe er mit einem Arzt in Kontakt, der ihn im Notfall telefonisch berät. „Und ein paar Medikamente habe ich immer dabei.“

Als Thilo ein Jahr so unterwegs war, wollte er wissen, ob es da draußen noch andere wie ihn gibt. Er gründete eine Facebook-Gruppe, lud ein paar Freunde ein. Die Dachzeltnomadenwaren geboren. Binnen weniger Tage wuchs die Gruppe rasant. Inzwischenhat sie über 3000 Mitglieder.

„Trotz­dem bin ich schon ziemlich freaky“, sagt Vogel und grinst. Die meisten würden das nur in den Ferien machen.

Was sie eint? „Viele haben wie ich einen kleinen Sockenschuss und alle ein Zelt auf dem Dach. Ansonsten sind sie aber sehr individuell.“ Gemein ist ihnen die Suche nach Einfachheit. Luxus wie ein tägliches Bad braucht Thilo nicht mehr. Stattdessen Hotels zum schnellen Duschen. „Viele sind natürlich irritiert, wenn man mit so einer Frage in die Hotellobby kommt.“ Thilo liebt dieses wilde Leben.

„Wenn du so unterwegs bist, bistdu praktisch ständig draußen. Wir haben uns so daran gewöhnt, in unseren Wohnungen vor Wind und Wetter geschützt zu sein. Im Dachzelt gibt es diesen Schutz nicht.“ Immerhin: Durch die geringere Stoffoberfläche kann das Zelt gut trocknen und schnell gelüftet werden. Kondenswasser wird Thilo schnell wieder los.

„Du bekommst alles mit und spürst die Natur und dadurch auch wieder dich selbst.“

Das ist auch der Grund, weshalb er kein Wohnmobil will. Aber wieso einen Ford Mondeo, der so gut wie gar keine Offroad ­Qualitäten mit­bringt: „Ganz einfach, weil er schon da war. Ich habe die Herausforderungangenommen und ihn so gut wiemöglich an meine Bedürfnisse ange­passt.“

Für seine Routen hat Thilo klare Kriterien. „Erhöhte Plätze mit guter Aussicht sind wichtig, am liebsten gucke ich aufs Meer oder einen See. Ich liebe Sonnenuntergänge über dem Wasser.“ Trotzdem hält er sich immeran die Regeln. In Naturschutzgebiete oder auf abgesperrte Flächen fährt er prinzipiell nicht. Klar, Allrad wäre hin und wieder praktisch. Im Januar suchte Thilo kurz vor Stuttgart einen guten Schlafplatz. Dabei fuhr er sichin einer Wiese fest. Es war 22 Uhr. Was tun? ADAC rufen? Oder die Feuerwehr?   Thilo informierte die Dachzeltnoma­den­Gruppe. 30 Minuten später zogen zwei SUV von Mitgliedern der Gruppeseinen Ford wieder auf den Asphalt.

Die Community ist so gut zusammen­gewachsen, dass es im Juni sogar ein eigenes Festival geben wird. Und wenn es Nacht wird, werden sie alle auf ihre Autodächer klettern.

Eine Reportage von Robin Kittelmann für Auto Bild

Die Dachzeltnomaden Community

Mitglied in der Facebook-Gruppe kann jeder werden, mit oder ohne Dachzelt auf seinem Auto. Dabei spielt es keine Rolle ob der Wagen zum neuen Wohnsitz wird oder nur ein Urlaub geplant ist. Die Community gibt Tipps und Ratschläge zu Dachzelten, schönen Plätzen zum Campen und vielem mehr. Das DACHZELT FESTIVAL findet im Juni im Mammutpark in Stadtoldendorf (Niedersachsen) statt. 500 Dachzeltnomaden werden erwartet.

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Making-Of

Autor Robin Kittelmann und Fotograf Sven Krieger haben sich für die Reportage mächtig ins Zeug gelegt. Für den perfekten Schuss aus der Fahrt (rolling shot) saß Sven im offenen Kofferraum während Robin über die Landstraße heizte und ich versuchten, den richtigen Abstand zur Kamera zu wahren. Das Interview führten im Februar 2018 am Veranstaltungsort des DACHZELT FESTIVALS im Freizeitpark Mammut in Stadtoldendorf.

How to get the perfect rolling shot out of the trunk of a car

Shooting for AUTO BILD. Sven Krieger (photographer) and Robin Kittelmann (driver) did a great job capturing the perfect rolling shot. stay wild | be free🤘

Gepostet von VOGEL ADVENTURE am Sonntag, 11. Februar 2018

Frisch gedruckt

Am 02.03.2018 war es dann endlich so weit. Die 9. Ausgabe der Auto Bild lag war im Handel. Das war schon ein besonderes Gefühl, zum Zeitschriftenregal zu laufen, die Auto Bild herauszuholen und sich selbst auf Seite 62 wieder zu finden. Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal an Robin Kittelmann und Sven Krieger für die entspannte Zeit und professionelle Arbeit.

Thilo

My home is a car. My bedroom is a rooftop tent, my kitchen is in the trunk and my office is located on the back seat of my 2011 Ford Mondeo station wagon. Since 2016 I am travelling all around Europe. But this is just the beginning...

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Thilo

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